Climate- and Urban Change

„Ich berufe mich auf das Paradoxon, dass die wichtigste Ursache der Erderwärmung- die Urbanisierung durch den Menschen- möglicherweise eine grundlegende Lösung für das Überleben der Menschheit im 21. Jarhundert beinhalten könnte.“

Mike Davis in: Wer wird die Arche bauen? Das Gebot zur Utopie im Zeitalter der Katastrophen.

Im Mai 2015 brachte der Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC einen Bericht über den Klimawandel, und was er für die Städte bedeutet, heraus. Die Kernaussagen des Berichtes lauten wie folgt:

  1. Viele der entstehenden Risiken des Klimawandels ballen sich in urbanen Gebieten. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten. Dort konzentrieren sich zugleich die meisten Gebäude und wirtschaftlichen Aktivitäten. In urbanen Gebieten findet sich außerdem ein Großteil jener Menschen und wirtschaftlichen Aktivitäten, die am anfälligsten sind für die Folgen des Klimawandels.
  2. Der Klimawandel wirkt sich schon heute auf die Städte aus, und die Auswirkungen werden stärker. (…)
  3. Die Stadtbevölkerung wird sich weltweit bis 2050 voraussichtlich verdoppeln. Dadurch wird sich die Zahl der Menschen und Vermögenswerte erhöhen, die Klimarisiken ausgesetzt sind. (…)
  4. Wenn Städte widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel gemacht, oder ganz allgemein deren nachhaltige Entwicklung gefördert wird, dann nützt dies der Klimaanpassung auch im weltweiten Maßstab. Möglichkeiten zur Anpassung existieren beispielsweise in den Bereichen Wasserversorgung, Ernährung, Energieversorgung und Verkehr.
  5. In den rasch wachsenden Städten der Schwellenländer liegt vielleicht das größte Potenzial für die Verringerung von Treibhausgasemissionen.  (…) Allerdings fehlt es gerade diesen Städten häufig an den finanziellen, technologischen, institutionellen und politischen Kapazitäten für wirksame Klimaschutzmaßnahmen.

Zusammengefasst bedeutet das also, dass die durch den Klimawandel entstehenden Herausforderungen vermehrt in Städten auftreten und sich die Chance etwas zu ändern, vor allem in den urbanen Gebieten der sich noch entwickelnden Schwellenländer zeigt. Der Weg des positiven Wandels zu einer postfossilen und widerstandsfähigen Stadt ist jedoch weit, denn 70 Prozent der weltweiten Energie verbraucht die urbane Infrastruktur, während Städte allgemein für 37 bis 49 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Allein die Heizung und Kühlung der Gebäude sind für geschätzte 35 bis 45 Prozent des CO2 Ausstoßes verantwortlich. (Mike Davis)

Dabei ist es nicht so, dass alles Städtische automatisch schlecht fürs Klima ist. Vielmehr hat sich gezeigt, dass in den aufkommenden Mega-Citys die antiurbanen Strukturen das Problem sind. Klassisch urbane Merkmale wie städtisches Wachstum, klar definierte Grenzen zwischen Stadt und geschützter Natur und günstiger Zugang zum Stadtinneren zeichnen ein weitaus positiveres Bild.

Wie der IPCC in Punkt fünf aufzeigt, ist der Wandel zu einem emissionsfreieren Stadtbild vor allem in Städten der Schwellenländer noch möglich. Der Grund dafür ist, dass der eben erwähnte urbane Wachstum hier noch nicht abgeschlossen ist. Bereits vollständig entwickelte Städte können zwar mit Sanierungen ihren Teil beitragen, allerdings ist in sich noch entwickelnden Städten eine CO2 neutrale Infrastruktur leichter zu schaffen. Die Zukunft liegt demnach vielleicht nicht in New York und Brüssel sondern in Bujumbura (Burundi) und Zandir (Niger), den beiden schnellst wachsenden Städte der Welt.

Ich möchte auf den vielerwähnten Klimawandel an dieser Stelle noch einmal genauer eingehen. Da das Thema sehr komplex und vielschichtig ist, möchte ich an dieser Stelle Bill McKibben von der Klimakampagne 350.org zitieren, der uns mit drei Zahlen das Rechnen und Verstehen einfach macht:

2 Grad Celsius: Der Temperaturanstieg, den wir verhindern müssen, wenn wir einen katastrophalen Klimawandel verhindern wollen.

565 Gigatonnen: Die Menge an Kohlendioxid, die wir noch in die Atmosphäre freisetzen können, um die Erderwärmung bei maximal zwei Grad Celsius zu halten.

2.795 Gigatonnen: Die Menge Kohlendioxid, die freigesetzt werden würde, wenn wir alle Reserven an fossilen Brennstoffen verbrennen würden, von denen wir sicher wissen, dass sie uns noch zur Verfügung stehen (wenn wir dies wollten.)

Um das Ganze abzukürzen: Es müssen circa vier Fünftel der uns bekannten fossilen Brennstoffe in der Erde verbleiben. Das Problem ist nicht, dass wir kein Öl mehr haben, sondern, dass wir uns nicht mehr leisten können es zu verbrennen.

Doch wie sieht der katastrophale Klimawandel aus, von dem Bill McKibben spricht? Bei den schon 2012 erreichten 0,8 Grad Celsius waren folgende Veränderungen zu erkennen: Ein Drittel des sommerlichen arktischen Eises waren verschwunden und die Meere um weitere 30 Prozent übersäuert. Angesichts dieser Veränderungen äußerte sich der ehemalige Biodiversitätsberater der Weltbank Thomas Lovejoy wie folgend:“If we’re seeing what we’re seeing today at 0.8 degrees Celsius, two degrees is simply too much.“
Und auch auf dem Klimagipfel in Kopenhagen des Jahres 2009 wurden ähnliche Stimmen laut. Ein Sprecher der Nationen kleinerer Inseln warnte, dass viele die 2 Grad Grenze nicht überleben würden: „Some countries will flat-out disappear.“ Und auch für Afrika schien die 2 Grad Grenze ein Selbstmordakt zu bedeuten. „One Degree,, one Africa“, hieß es. (Nachzulesen im Rolling Stone.)
Aber selbst zwei Grad scheinen vom heutigen Standort utopisch. Denn selbst wenn wir unsere momentane CO₂ – Minderungsrate verdoppeln würden, würde dies immer noch zu Emissionen führen, die einer Erwärmung um 6 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts entsprächen.
Wir stellen folglich fest, dass es nicht um kleine Maßnahmen geht, die hier und da noch umgesetzt werden müssen, sondern eine regelrechte Umwälzung unserer Systeme. Eine Einsparung von 90 Prozent der Emissionen wird nicht reichen. 100 oder 120 Prozent Einsparung werden der Situation schon eher gerecht. Das bedeutet, dass wir mehr CO2 einsparen müssen als wir erzeugen.
Wie kann eine Stadt aussehen, welche ohne Öl auskommt und gleichzeitig noch Emissionen einspart? Wie kann ein Land aussehen, dass auf komplett auf fossile Brennstoffe verzichtet?

Wie Mike Davis schon in seinem Titel erklärt, gibt es in unserem Zeitalter der Katastrophen ein Gebot zur Utopie. Denn mit den Einsparungen müssen wir heute beginnen. Wir können uns nicht leisten auf Wunder zu hoffen oder an unseren dystopischen Glaubenssätzen festzuhalten. Für einen Wandel brauchen wir all unsere Fantasie. Wir müssen die Vorstellungskraft aufbringen, dass wir gemeinsam eine globale Veränderung herbeiführen können. Natürlich klingt das unwahrscheinlich. Aber entweder wir entscheiden uns dazu, das Unwahrscheinliche für möglich zu halten, oder wir akzeptieren eine Zukunft die nur einigen wenigen ein gutes Leben ermöglicht.
Wir müssen jetzt beginnen unsere Städten zu verändern, sie widerstandsfähiger und erdölunabhängig zu machen, wir müssen die Gelegenheit nutzen noch etwas ändern zu können. Wenn wir annehmen die Krise als Chance zu sehen, können wir noch immer unsere Städte grundlegend verändern und die Urbanisierung ist dann wirklich die Lösung für das Überleben der Menschheit im 21. Jahrhundert.