Hintergründe

The alien perspective

“Ist es nicht merkwürdig, dass Menschen ganz ganz lange geglaubt haben, was sie gar nicht wussten? Dass es nämlich eine Apokalypse gibt und dass wir heute wissen dass es sie gibt, aber nicht daran glauben??”

Richard David Precht im Gespräch mit Prof. Harald Lesch

Stellen wir uns vor, es gibt jemanden, der die Menschheit aus dem Weltall aus beobachtet. Stellen wir uns vor, es gibt sie: the alien perspective. Diese Überlegung stellt Noam Chomsky, interviewt von Tilo Jung, in der 284 Folge von „Jung und Naiv“ an. Was sieht dieses Alien? Was wird ihm bei seiner Beobachtung des menschlichen Verhaltens auffallen? Ein Nachdenken über die menschliche Zukunft an einem Freitag. 

Chomsky sieht jung aus für seine damaligen 87 Jahre. In seinem Büro an dem „Massachusetts Institute of Technology“ in Cambridge kommt er zurück auf Jungs Frage nach dem Alien. Der Alien, so Chomsky, sehe diese bemerkenswerte Spezies. Diese Wesen die höhere Intelligenz entwickelt haben und diese nun dazu benutzen, sich selbst zu zerstören. Er glaubt, dass wir das Anthropozän erreicht hätten. Jenes Zeitalter, in dem der Mensch zu einem geologischen Faktor geworden sei. Erst habe er die Umwelt beeinflusst, nun zerstöre er sie. Aber das Seltsamste, was dem Alien auffallen würde, wäre Folgendes: Nichts davon werde diskutiert: „Was diskutiert wird, sind Tweets um drei Uhr morgens, verschiedene Arten der Vulgarität, alles außer ernst zu nehmende Probleme.“ Die größte Frage: „Werden wir überleben und wenn ja wie?“, werde nicht gestellt. Und weiter führt Chomsky an, würde der Alien sich vielleicht fragen, welche seltsame Form von Intelligenz es sei, die den Menschen tolle Errungenschaften biete, aber mit der er nicht in der Lage sei, sich die Frage zu stellen, ob er überleben werde.


Noam Chomsky

Avram Noam Chomsky, 1928 geboren, war Professor am Massachusetts Institute of Technology. Er lehrte dort Linguistik und ist weltweit einer der bekanntesten linken Intellektuellen. Er wird als Vordenker der Antiglobalisierungsbewegung gesehen und äußerte auch immer wieder scharfe Kritik an der US-amerikanischen Wirtschafts- und Außenpolitik.
„In der „New York Times Book Review“ wurde Chomsky einmal als der „wichtigste Intellektuelle der Gegenwart“ bezeichnet. Noam Chomsky hierzu: „Das Zitat wurde von einem Verlagshaus veröffentlicht. Doch da sollte man immer sehr genau lesen: Wenn man nämlich das Original nachschaut, dann heißt es weiter: ‚wenn dies der Fall ist, wie kann er dann solchen Unsinn über die amerikanische Außenpolitik schreiben?‘ Diesen Zusatz zitiert man nie. Aber um ehrlich zu sein: Gäbe es ihn nicht, würde ich glauben, ich mache etwas falsch.“
Quelle: chomsky.info

Tilo Jung

Tilo Jung ist Chefredakteur seines online publizierenden Formates Jung und Naiv. Mit dem Credo: Politik für Desinteressierte interviewt er PolitikerInnen und Intellektuelle. Die Mitschnitte seiner naiven Fragen in der Bundespressekonferenz veröffentlicht er ebenfalls auf „Youtube“.


Fragen wir uns also selbst. Welche Gründe haben wir, uns über unser Überleben so wenig Gedanken wie möglich zu machen? Hoffen wir, dass die Unwissenheit uns vor einem globalen Kollaps schützt oder glauben wir, dass sich die Probleme von selbst lösen?

Natürlich gibt es Menschen, wie beispielsweise Noam Chomsky, die sich über diese Problematik Gedanken machen. Aber die wenigsten nehmen am politischen Diskurs des Mainstreams teil. Dem Klimawandel, oder Themen, die unsere Zukunft betreffen, werden in den öffentlichen Medien kaum Platz eingeräumt. Selbst im Wahlkampf werden diese Themen höchstens am Rande besprochen. Davon, dass selbst mächtige Personen des öffentlichen Lebens (nein, wir wollen an dieser Stelle keine Namen nennen) den Klimawandel für eine Erfindung halten, ganz zu schweigen.

Genauso schlimm, wie den Fakt, dass diese Themen nicht besprochen werden, finde ich allerdings, dass auch positive Zukunftsbilder nicht den Weg in die Diskussion finden. Keine der momentanen deutschen Parteien bietet eine realisierbare Utopie für die sie steht. Keine entwirft das Bild einer Welt, die lebenswert ist. Viele Parteien bieten nur für Teilprobleme Lösungen und gute Ansätze. Aber auch hier fehlt ein Gesamtbild.

Thilo Jung: „Vielleicht würde der Alien zustimmen, dass Unwissenheit ein Segen ist?“

Noam Chomsky: „Für eine kurze Zeit. Bis es einem um die Ohren fliegt…“

Jung und Naiv Folge 284

Um mich an dieser Stelle klar auszudrücken: Mir geht es nicht darum, dass ich von einer Partei eine allgemeingültige Lösung für die Zukunft fordere. Das wäre nicht nur gefährlich, sondern auch schlecht umzusetzen. Aber ich wünsche mir, dass dieses Thema überhaupt behandelt wird. Das sich die Politik die Frage stellt: Was wird zukünftiges Leben ausmachen?

Momentan kommen fast alle Vorschläge die unsere Zukunft betreffen, aus dem Silicon Valley. Die Frage, wie wir leben werden, wird mit technologischem Fortschritt beantwortet. Das vermittelt auch das Gefühl, dass die Technik schon jedes globales Problem lösen wird.

Würden wir diese wichtigen Fragen nicht der der intelligenten Technologie überlassen, kämen wir in unserer Entscheidungsfindung wahrscheinlich zu anderen Schlüssen. Wir können selbst entscheiden, welche Probleme wie zu ändern sind. Und welche Rolle die Technik dabei spielen soll.

Aber zurück zu unserem Alien. Nehmen wir an, er sieht schon seit einigen Jahrhunderten zu. Wie wird es unser Handeln in Zukunft beurteilen? Wird er überrascht sein? Wird es sich in seiner Sicht auf die Menschheit bestätigt fühlen, wenn wir in Zukunft immer noch nach den gleichen Mustern handeln?

All diese Dinge werden wir niemals wissen. Allerdings halte ich die „alien perspective“ für ein sehr nützliches Werkzeug, um in dieser teils sehr wirren Welt die Orientierung nicht zu verlieren. Sie rückt den Maßstab gerade. Schärft das Bild für die Dinge, die wirklich wichtig sind. Und lässt Nachrichten um drei Uhr morgens plötzlich sehr klein erscheinen.

Hier geht es zum Originalinterview…

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